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Audio Walk MfS Gedenkstätte Dresden

2019
presse
Ein Ausflug in die Vergangenheit: Das Künstlerduo Harriet Maria und Peter Meining hat aus Anlass der dreißig Jahre, die inzwischen seit der sogenannten Wende, der Friedlichen Revolution oder wie auch immer der Herbst ’89 heute apostrophiert werden soll, eingestimmt. „Guten Tag! Sie sind verhaftet!“ heißt ihr begehbares Hörspiel, das für die Dresdner Gedenkstätte Bautzner Straße konzipiert worden ist und auf bedrückende Weise vorführt, wie die dortige Realität einst ausgesehen haben könnte.

Um möglichst authentisch zu schildern, wie demütigend die Festnahme, die Untersuchungshaft sowie insbesondere die Verhöre gewesen sein konnten, stützen sich die Meinings auf Erinnerungen unter anderen von Jürgen Fuchs, der seine Vernehmungen in akribischen Gedächtnisprotokollen festhielt. Und es vermittelt in der Tat eine beklemmende Situation, auch dreißig Jahre „danach“, wenn man zu Beginn des gut 40-minütigen Parcours durch die tristen Räume und Flure der Gedenkstätte angeblafft wird: „Sie sind verhaftet!“


Gäste werden zu Verhafteten

Die Stimme kommt aus dem Kopfhörer, mit dem Besucherinnen und Besucher zu Beginn dieser Performance ausgestattet werden. Schon sind die Gäste keine Gäste mehr, sondern werden zu Verhafteten und sollen den Anweisungen folgen, mit denen sie konfrontiert werden. Widerspruch zwecklos, denn der wird im Hörspiel rasch mundtot gemacht. Mit einem originellen Zeitsprung suggerieren die Autoren, dass ein Mensch aus dem Heute mit einigem Halb- oder Basiswissen über die DDR in die Fänge der Stasi von damals gerät. Aus selbstbewusstem Protest gegen die Festnahme wird zögerliche Abwehr, die schon bald in ängstliche Folgsamkeit mündet.

Also unterwirft man sich dem Ekel und dessen Ansage „Sie gehen jetzt bis zu die Zelle 15!“, wo ein fiktiver Insasse vor allzu deutlichen Worten warnt. Es könnte ja jeder ein Spitzel des anderen sein. Er selbst sitzt angeblich wegen eines Plakates ein: „Ein guter Sozialist fegt zuerst vor der eigenen Tür“ stand darauf geschrieben, hätte den damaligen Machthabern zu denken geben sollen, statt mit Skepsis und Unverständnis, gar mit Festnahme und Untersuchungshaft darauf zu reagieren. Und ganz nebenbei dürfte es auch die verbliebenen Sozialdemokraten von heute nachdenklich stimmen…

Hörspiel verbindet den Schauder von Geräusch und Geruch

Das Hörspiel der Meinings führt aber vor allem in die Vergangenheit, konfrontiert mit Dunkelzelle und Duschraum, verbindet den Schauder von Geräusch und Geruch, konstruiert den schmalen Grat zum Verrücktwerden (der herzergreifende Gesang einer Verhafteten dringt aus der Zelle heraus) und entlarvt die Willkür der „Erziehungsdiktatur“. Operative Zersetzung feindlicher Elemente als Ziel – lässt sich das mit einer menschlichen Gesellschaft vereinbaren?

Auf dem Weg zum Verhör („Wir wissen alles, mehr nicht.“) haucht immer mal die Stimme der Revolution eine Spur Hoffnung ins Stück („Ich komme langsam in die Gänge.“). Und tatsächlich, bevor es für den Häftling zum Desaster kommt, wird die einstige Stasi-Zentrale von Demonstranten umringt, flüchten sich die hilflosen Genossen ins Chefzimmer. Der Rest ist Geschichte.

Harriet und Peter Meining, die für ihre mit ergreifendem Sounddesign von Nikolaus Woernle ausgestattete Collage namhafte Mitwirkende gefunden haben (Anna Mateur, Anna-Katharina Muck, Hilmar Eichhorn, Tom Quaas u.a.), entlassen ihr Publikum aber nicht ohne den Fingerzeig, wie die Täter und Mitläufer von einst ihr Verhalten reflektierten: „Ich steh’ zu meine Vergangenheit“, müffelt der Wärter, der für kurze Zeit abtauchen wollte und dann seine Zukunft in einem Security-Unternehmen sah.

Ein Ausflug nur in die Vergangenheit? Michael Ernst Dresdner Neueste Nachrichten 28.9.2019
"Guten Tag! Sie sind verhaftet!" - Audiowalk

Das hab ich getan“ sagt mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getan haben“ - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich.
Endlich - gibt das Gedächtnis nach.
(F.Nietzsche aus Jenseits von Gut und Böse)
mit:
Anna Mateur, Anna Katharina Muck, Monika Hildebrand, Michael Specht, Christian Claus, Hilmar Eichhorn, Tom Quaas, Thomas Stecher, Viktor Tremmel, Albrecht Goette, Günther Kurze
Ton und Sounddesign: Nikolaus Woernle
Premiere: 30.9. 2019 / seit 6/20 dauerhaft als Audio Walk in der Gedenkstätte