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Highlights Performance Festival

Festival im Festspielhaus Hellerau 2000
presse
IM THEATER Die »highlights« machen den Begriff der Hysterie beispielhaft erfahrbar
Der Empfang gelang prächtig. Das Festspielhaus Hellerau inmitten der gleichnamigen Bürgersiedlung im abgeschiedenen Dresdener Norden schien zu strotzen vor Überzeugung, Stolz und frischem Mut. Hunderte Neonröhren an Fassade und symbolischem Hoffnungstor wiesen den Weg, ohne zu blenden. Peter und Harriet Meining sowie Carsten Ludwig hatten als temporäres Programmkuratorium zur Beobachtung einer theatralen Sonatenform an drei aufeinander folgenden Wochenenden geladen, die highLIGHTS benannt und den hohlen Tessenow-Bau in seiner Gesamtheit vom 2.9. bis zum 17.9. in einen Erlebnisraum umzuwidmen gedacht war. Neben einer eigenen Produktion und Gastspielen zweier Jünger der Gießener Theaterschule, René Pollesch und Gob Squad, traten ein musikalisches Begleitprogramm und durchdachte Erlebnisgastronomie in Erscheinung. Der Begriff für dieses Gesamtbild lautete Kurhaus und stammt von den Kuratoren selbst, die ihr künstlerisches Eigeninteresse zweifellos auch dem Ort dienlich gemacht haben. Unter anderen Bedingungen ist das in Hellerau genau umgekehrt.Mit dem Abzug der letzten russischen Einheiten vor fast zehn Jahren war der historische Komplex zwar dem Volke wieder zugefallen. Doch der programmierende Verein zur Förderung der Europäischen Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau e.V. sucht seither sichtlich bemüht nach dem Quell der Inspiration, um ihn offenbar am Klarsten in der aufwändigen, originalgetreuen Sanierung wiederzufinden. Die Baustelle Hellerau hat sich insofern emanzipiert, nicht aber die dort Raum greifenden künstlerischen Arbeiten, die stets fragmentarisch geblieben sind und - von einigen Aktionspartys abgesehen - stets ohne erhebliche Publikumsmenge auskommen mussten. Wenn die highLIGHTS-Kuratoren Meining und Ludwig im Foyer des Festspielhauses mit einem zarten Springbrunnen empfangen, so trägt diese unschuldige Installation auch die Traurigkeit der ahnungsvollen Enttäuschung in sich und ist eine leise Ironie auf das, was Hellerau einmal gewesen ist. Doch mit Tradition allein lässt sich kein Blumentopf gewinnen, auch in Dresden nicht.Um so üppiger an Reizen muss sein, was an diesem eben so spannenden, wie undankbaren Ort bestehen will. Bis heute fährt nachts nicht einmal eine Straßenbahn ins städtische Tal zurück. Der Erlebniskomplex highLIGHTS war als belebtes Gesamtbild einem konkreten Thema verpflichtet: der Hysterie. Gemeint war die »ökonomische und soziologische Hysterie ungeahnten Ausmaßes, der ... die gutbürgerliche Bildungsanstalt Theater nicht mehr gewachsen sein wird«. Solche Abgrenzungsverbalismen gegenüber staatlichen Bildungsanstalten im schillerschen Sinne tun in der freien Szene natürlich kaum Not, erfreuen sich aber gleichwohl einer Beliebtheit als gelte es, das eigene Tun vorsorglich gegen die Angriffe des Traditionalismus abzuschirmen. Dabei hat die Sehnsucht nach neuen Ausdrucksformen längst zum Schulterschluss mit der Bildenden Kunst geführt und bringt Inszenierungsformen hervor, die oft performancehaft daherkommen und den klassischen Raum- und Zeitbezug nicht zu brauchen scheinen oder gar offen ablehnen. Aus dem so zerfallenden theatralen Ordnungsmuster bleibt allein die Einheit der Handlung übrig, mithin die Zentrierung des mentalen Blickpunktes auf einen konkreten Vorgang, und verlangt ein kühl psychologisierendes Theater: anders scheinen Welt und Gesellschaft nicht erfassbar, solange sie mit der Medienrealität eine hypnotische Repräsentation jenseits materieller Wahrheiten erfahren.
So musste highLIGHTS den Begriff der Hysterie beispielhaft erfahrbar machen. Links vom Theatersaal der musikalische Entspannungsraum, rechts die Porno-Bar, die zur »diskreten Entladung« im Schutze der feigen Masse lud - den Cocktail in der anderen Hand - und dazwischen die Symptome selbst platziert. René Pollesch begann den Reigen mit Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr und führte sein rasendes Stück Popkultur eine Stunde an der Schreigrenze entlang. So etwas macht die Unterscheidung möglich zwischen dem Innen und Außen, und was außen ist, muss man anerkennen, wenn auch nicht mögen. Am zweiten Wochenende folgte Terrain... von Peter und Harriet Meining, die sich dem Unterthema Angst und Entsetzen zugewendet hatten. Die Bühne vollständig durch eine Leinwand ersetzt, korrespondiert die spartanische Ausstattung mit der reduziert wirkenden Inszenierung und läutert den Schrecken der dort vertonten Black-Box-Aufzeichnungen ausgewählter Flugzeugkatastrophen durch großes Kino im Schnitt/Gegenschnitt-Stil. Die Unfassbarkeit des hundertfachen, zufälligen Todes materialisiert sich vor dem Flugsimulator als Betroffenheit einer Konsumergeneration, die der Hochtechnologie misstrauisch, doch kritik los gegenübersteht.Der Abschluss der Hysterie-Trilogie gestaltete sich mit der Gruppe Gob Squad und Say it like you mean it dann sehr weich. Äußerste Sehnsucht zu versinnbildlichen war Zweck dieser Einladung, und in der Tat beinhaltete das partyzeltähnliche Gebilde, das Bühnenraum war, eine Sammlung Befriedigungseinheiten, die dem Publikum allesamt spielerisch zugänglich waren. Erwachsene Menschen, die sich tanzend in selbstgebastelte Krepphüte und Tüllschleifchen einkleiden, fundamentieren ein salbungsvolles Manifest für die Aufrichtigkeit und spielen ein inszeniertes Spiel, das zuende ist, wenn es die Gastgeber anordnen. Was davor war, ist auf ebenfalls vorhandene (und gesprochene) Texte nicht angewiesen und hat damit seinen größten Fehler in der Idee sitzen. Denn dem Effekt einer Lockerungsübung, die nur Erinnerung an individuell Erlebtes schafft, kommt außerhalb des Theaters weitaus größere Bedeutung zu.
Die Programmkuratoren Carsten Ludwig, Peter und Harriet Meining jedenfalls haben mit dem Kurhaus-Konzept eine nicht nur für Dresden und Hellerau bedeutsame Arbeit vorgestellt. In der Komplexität real vorgefundener Wirkungszusammenhänge hat Theater als Reflexionsmedium ohnehin einen schweren Stand, und so kommt die eventhafte Form des highlights-Komplexes letztlich auch einer gewandelten Erwartungshaltung des Publikums entgegen: dem Konsumdruck entzieht sich auch die Kunst nicht mehr. Peter und Harriet Meining übrigens haben es seit ihrer ersten gemeinsamen Produktion (Rauschen, 1995) stets ausnehmend gut verstanden, die gemeinhin lästigen Momente der Verkaufsförderung positiv in ihre Arbeiten zu integrieren. Dazu gehört neben einer performancehaften Publicity auch die Einbindung von VIPs und Stars in die Inszenierung. Wenn u.a. Udo Lindenberg 1997 für Genetik Woyzeck diese Funktion übernahm, war es für Kosmo(Test) 1999 Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld, und in der aktuell für highLIGHTS gezeigten Produktion Terrain! Terrain! Pull up! Pull up! spricht immerhin Ben Becker den Off-Text. Diese Gesichter und Stimmen aus einer medialen Parallelwelt sind dann erst recht das, wofür wir sie immer halten müssen: real. Und mit Fragen der Wahrnehmung spielen Peter und Harriet Meining sowieso gern. Damit ist jedes Tun immer als Experiment zu rechtfertigen, auch als solches, das scheitern kann. Highlights im Festspielhaus Hellerau hat diese Klippe clever umschifft. Der Freitag
ein kuratiertes Festival mit Produktionen u.a. von Gob Squad, Rene Pollesch und norton.commander.productions.