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Shopping Night

Audiowalk/ Centrum Galerie / Nachts 2010
videopresse

Manchmal beugt sich die Konsumwelt der Kunst und macht sich locker: Ein paar Mal hatte Dresdens Centrum Galerie das ganze Wochenende geöffnet,inklusive sonntags,sogar bis Mitternacht.Nicht für Kauflustige;für Neugierige,angelockt vom Besonder-Angebot des Audiowalks „Shopping Night“,einem Mitläufer-Hörspiel von Harriet und Peter Meining.Seit Jahren ist das umtriebige Künstlerpaar der Dresdner Szene entwachsen und mit diversen Projekten in ganz Deutschland unterwegs.Nicht ohne immer wieder mit einer ihrer Arbeiten in der alten Heimat vorbeizuschauen,in Hellerau,im Societaetstheater, im Schauspielhaus. „Shopping Night“ ist fraglos eines ihrer bislang ungewöhnlichsten Projekte. Wer teilnehmen wollte – und das waren an mehreren Abenden Hunderte –, musste sich in der Centrum Galerie einfinden,Kopfhörer aufsetzen und den Hörspiel-Protagonisten durch die dunkle Mall folgen.Die „Heldin“ hat ihren Mann abgeparkt und sucht verzweifelt nach einer neuen Hose und Stiefeln und vielleicht noch mehr. Angespornt wird sie von einer veritablen Konsum-Teufelin,die sich in ihrem Kopf heftige Wortgefechte liefert mit dem schlechten Gewissen der Frau. „Schau mal da, diese Rip-Look-Jeans, die sind total modern!“ – „Jaja, kunstvoll zerrissen von armen Kinderarbeitern mit großen Kulleraugen!“ Schon das Mit-und Gegeneinander der Sprecherinnen – Pop-Chanteuse Françoise Cactus und Fassbinder-Aktrice Irm Hermann – wird zur Ohrenweide.So folgt man ihnen willig an Schaufenstern vorbei, Rolltreppen auf- und abwärts, bleibt stehen, hört zu, lächelt, fühlt sich ertappt, ins Grübeln gebracht, manchmal gegruselt: Wer im Damen-WC die Augen schließt, muss glauben, neben ihm weine wirklich ein trauriges Frollein. Und wer im Fahrstuhl den im Hörspiel beschriebenen Mann mit der blutigen Hand trifft, ist froh, den Lift bald verlassen zu können.Dass die Kunst sich den Kommerz vorknöpft, ist kultureller Alltag. Aber dass ein Tempel des Kom- merzes die Kunst freiwillig herein und es zulässt,von ihr so clever wie witzig bespielt und dabei auch konsumkritisch angezählt zu werden, ist alles andere als selbstverständlich. Wie man hört, ist die Galerie nicht abgeneigt, diesen herrlichen Meining’schen Audio-Coup 2011 noch ein paar Mal zu „ertragen“.


 


Sächsische Zeitung

Auf der Suche nach einer neuen Hose verliert eine Frau in der Shopping Mall den Überblick. Im Parkdeck verschwindet ihr Ehemann, in der Toilette trifft sie eine Doppelgängerin, das schlechte Gewissen nervt mit Kommentaren und hysterische Mitmenschen geraten in Kaufwut. „Shopping Night“ ist ein interaktives Hörspiel in welchem die Kunst mit gesellschaftlich, ökonomischen Realitäten in einer realen „Kulisse“ verschmilzt.